{"id":12945,"date":"2026-03-19T06:30:00","date_gmt":"2026-03-19T05:30:00","guid":{"rendered":"http:\/\/havelnetz.de\/kunden\/mpw\/2026\/03\/19\/der-osten-als-avantgarde-11-appell-eines-wessis-an-ostdeutsche-firmenchefs\/"},"modified":"2026-03-19T06:30:00","modified_gmt":"2026-03-19T05:30:00","slug":"der-osten-als-avantgarde-11-appell-eines-wessis-an-ostdeutsche-firmenchefs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/havelnetz.de\/kunden\/mpw\/2026\/03\/19\/der-osten-als-avantgarde-11-appell-eines-wessis-an-ostdeutsche-firmenchefs\/","title":{"rendered":"Der Osten als Avantgarde #11: Appell eines Wessis an ostdeutsche Firmenchefs"},"content":{"rendered":"<p>Das Netzwerk der gemeinn\u00fctzigen Initiative DenkRaumOst hat es sich zum Ziel gesetzt, Ostdeutschlands Charme sichtbar zu machen. In Teil elf ihrer Kolumne wirft der Historiker und Autor Dr. Clemens Tangerding einen Blick auf den F\u00fchrungsstil ost- und westdeutscher Firmenchefs.<\/p>\n<p><span><\/span><\/p>\n<div class=\"wp-caption aligncenter\">\n<p class=\"wp-caption-text\">Clemens Tangerding stammt aus dem unterfr\u00e4nkischen Rottendorf. Fast 15 Jahre lang arbeitete er als Historiker die Geschichte von Unternehmen auf. Dann begann er, im Rahmen mehrerer Projekte mit Menschen auf dem Land \u00fcber die Geschichte ihrer Orte zu sprechen. 2019 ist er mit seiner Familie von Berlin nach Luckenwalde gezogen. 2024 erschien sein Buch \u201eR\u00fcckkehr nach Rottendorf\u201d. Abbildung: C.H.Beck, Katharina Gebauer<\/p>\n<\/div>\n<p>Ostdeutsche Firmen haben damit inzwischen auch angefangen. Ich kannte diesen Trend bisher nur aus dem Westen. Aber die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer aus den neuen L\u00e4ndern sind inzwischen auch auf diesen Zug aufgesprungen. Oder aber sie sind Wessis. Sp\u00e4testens zwei Jahre, nachdem man Chef geworden ist, engagiert man einen Coach und zieht sich mit ihm oder ihr und seinen F\u00fchrungskr\u00e4ften ein Wochenende zur\u00fcck. Auff\u00e4llig oft trifft man sich in ehemaligen Kl\u00f6stern, die sich in ein Tagungshotel verwandelt haben. Das Zusammensein in der einstigen Speisekammer der Zisterzienser soll eine Atmosph\u00e4re von Einkehr und Konzentration hervorrufen. Wie die M\u00f6nche fr\u00fcher stellt man sich nur mit Vornamen vor, auch wenn der Marketingleiter bis dato nie Probleme hatte, seinen Chef mit Nachnamen anzusprechen. Aber hier gibt es keinen Chef und keine F\u00fchrungskr\u00e4fte mehr, hier sitzen einfach Norbert, Jan, Robert und Sabine.<\/p>\n<p>Das Ziel ist klar: Jetzt, da die neue F\u00fchrung im Amt ist, sollen die ganz gro\u00dfen Fragen gestellt und beantwortet werden. Was wollen wir? Wohin geht der Weg? Was unterscheidet uns von den anderen? Manche reflektieren begeistert mit, manchen Teilnehmern aber dr\u00e4ngt sich im Verlauf des Wochenendes immer st\u00e4rker die Urfrage der Philosophie auf: Warum bin ich hier?<\/p>\n<p>Nach dem Wochenende sollten alle die Antwort kennen. Denn sp\u00e4testens\u00a0am Sonntagnachmittag stehen drei Begriffe auf einem Flipchart in der Mitte des Raums. Nach vielen Spielen und Spazierg\u00e4ngen hat die Gruppe die drei wichtigsten Werte des Unternehmens erarbeitet. Hier stehen sie, die \u201eCore Values<em>\u201c<\/em> dieser und nur dieser Firma: Tradition, Qualit\u00e4t und Nachhaltigkeit. Ich habe oft von diesen Seminaren geh\u00f6rt und wei\u00df inzwischen: Es sind immer diese drei. Ein Freund, der in einem Konzern arbeitet, hat mir erz\u00e4hlt, bei der Klausur seiner Chefs sei Nachhaltigkeit nicht dabei gewesen. Ich wei\u00df bis heute nicht, ob ich ihm glauben soll.<\/p>\n<p>Wenn westdeutsche Firmenchefs auf dem Parkplatz des Klosters gerade noch rechtzeitig das Etikett aus dem bei Amazon bestellten marineblauen Troyer abrei\u00dfen, damit sie besonders menschlich r\u00fcberkommen, dann wundert mich gar nichts mehr. So sind wir Wessis eben. Seit ich aber selbst in Brandenburg lebe, frage ich mich, warum Firmenchefs aus diesem Landstrich all das mitmachen. F\u00fchlen sie sich dazu verpflichtet? Weshalb kn\u00fcpfen sie nicht an das an, wovon sie selbst mit einem L\u00e4cheln noch berichten, wenn sie \u00e4lter als 40 sind? Ich als Westdeutscher denke mir dann jedes Mal: Was sie in der DDR und in der Wendephase erlebt haben, brauchen wir derzeit n\u00f6tiger als je.<\/p>\n<p>Es sind Geschichten einer ganz besonderen Art von Verbundenheit, die durch Mangel entstanden ist, aber nicht nur dadurch. Mein Nachbar in Luckenwalde war Chef des Bauhofs. Als mein Auto nicht mehr angesprungen ist, hat er mir ein selbstgebautes Batteriemessger\u00e4t geliehen. Er hat es mit seinem Kollegen gebaut. Als ich f\u00fcr die Promotion nach Dresden gezogen bin, erz\u00e4hlten mir meine Mitbewohner, dass in der Wendezeit jemand auf dem Hof des Hauses Pferde gehalten hat. Irgendwann war er weg, und die Pferde noch da. Fast alle Freunde aus dem Osten k\u00f6nnen mir Fotos zeigen, die den Papa mit abgerissener Jeans beim Hausbau zeigen, neben den Freunden und Nachbarn, die selbstverst\u00e4ndlich mitgeholfen haben.<\/p>\n<p>Wenn ich diese Geschichten h\u00f6re und wenn ich die Fotos sehe, dann stellt sich mir als geb\u00fcrtigem W\u00fcrzburger immer wieder dieselbe Frage: Wurde das Haus von einer Firma gebaut oder von euch als Familie? Habt ihr das Messger\u00e4t in eurer Arbeitszeit hergestellt oder nach Feierabend? Und hatte der Typ mit den Pferden \u00fcberhaupt einen Gewerbeschein? Ich will wissen, ob es sich um berufliche T\u00e4tigkeiten handelte oder nicht. Und ich merke dann immer, wie westdeutsch meine Frage ist.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gab es bei uns auch Nachbarn, die geholfen haben. Der Papa der besten Freundin meiner kleinen gro\u00dfen Schwester hat unsere Markise gebaut. Ein Mann aus der Kirchengemeinde hat unser Auto repariert, seine Frau hat uns Blumenkohl geschenkt. Aber ich glaube, meine Eltern und die anderen Erwachsenen in unserem Dorf haben sich daf\u00fcr immer ein bisschen gesch\u00e4mt. Denn sie f\u00fcrchteten, dass die Nachbarn denken k\u00f6nnten, dass sie nicht genug Geld h\u00e4tten. Stimmte ja auch, aber umso weniger sollte man es merken. Was mir auff\u00e4llt: Meinen ostdeutschen Freunden war die Hilfe der Freunde und Nachbarn nicht unangenehm, ihren Eltern auch nicht. Ihnen war es nicht peinlich, dass der Freund beim Kabelschlitzen half. Sie sch\u00e4mten sich nicht f\u00fcr den Blumenkohl, der bei ihnen vor der T\u00fcr lag. Sie fanden es nicht seltsam, sich etwas zu schenken, statt etwas zu kaufen. Warum auch immer.<\/p>\n<p>Die Welt, aus der mir meine Freunde aus dem Osten berichten, f\u00fchlt sich f\u00fcr mich faszinierend und fremd an. Das liegt nicht nur an den Frisuren der M\u00e4nner auf den Fotos. Ich bin vor allem befremdet von der Geradlinigkeit der Wege. Der Vater braucht Hilfe beim Dachdecken und klingelt beim Nachbarn. K\u00fcrzer geht es nicht. Aber es ist nicht nur die Einfachheit. Um Hilfe zu bitten, darin liegt f\u00fcr mich immer auch eine Verletzlichkeit, die mich r\u00fchrt. Selbst wenn ein Nachbar heute klingelt und mich fragt, ob ich am n\u00e4chsten Tag die M\u00fclltonne mit rausstellen kann, sp\u00fcre ich diese leichte Bewunderung f\u00fcr die Frage. Offenbar war dieses ganze Land dazu in der Lage, sich gegenseitig um Hilfe zu bitten.<\/p>\n<p>Wenn ich mir etwas f\u00fcr meine Kleinstadt und mein Bundesland Brandenburg w\u00fcnschen d\u00fcrfte, dann w\u00e4re es das: Wieder anzukn\u00fcpfen an den Geist von damals, nur ohne diesem existenziellen Mangel so ausgesetzt zu sein wie fr\u00fcher. Ich w\u00fcnsche mir Firmenchefs, die einfach beim Nachbarsjungen fragen, ob er den Hof kehren will und Omas, bei denen sich Handwerker in der Mittagspause zum Soljankaessen treffen. Ich w\u00fcnsche mir Freunde beim Schippen und Nachbarn auf dem Dach. Ich w\u00fcnsche mir Suppensch\u00fcsseln am Gartentor und Blumenkohl vor der Haust\u00fcr. Vor allem w\u00fcnsche ich mir f\u00fcr uns alle, dass Ostdeutsche sich nicht sch\u00e4men f\u00fcr das, was sie erlebt haben. Denn diese Geradlinigkeit brauchen wir gerade alle. Und wahrscheinlich ist es besser, wenn wir die drei wichtigsten Werte der ostdeutschen Firmen nicht in der Firma, sondern in den Lebensgeschichten ihrer Mitarbeiter suchen. Wie w\u00e4re es hiermit: Dieter kann das!<\/p>\n<p><strong>Die n\u00e4chsten Live-Termine von DenkRaumOst<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.denkraumost.de\/events\">denkraumost.de\/events<\/a><\/p>\n<p>Am 18. April findet eine Veranstaltung von DenkRaumOst im Kunsthaus Potsdam (Das Minsk) zum Thema \u201eKulinarik im Osten\u201c statt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Der Beitrag <a href=\"https:\/\/ostdeutschland.info\/der-osten-als-avantgarde-11-die-drei-wichtigsten-werte-einer-firma\/\">Der Osten als Avantgarde #11: Appell eines Wessis an ostdeutsche Firmenchefs<\/a> erschien zuerst auf <a href=\"https:\/\/ostdeutschland.info\/\">ostdeutschland.info<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Netzwerk der gemeinn\u00fctzigen Initiative DenkRaumOst hat es sich zum Ziel gesetzt, Ostdeutschlands Charme sichtbar zu machen. In Teil elf ihrer Kolumne wirft der Historiker und Autor Dr. Clemens Tangerding einen Blick auf den F\u00fchrungsstil ost- und westdeutscher Firmenchefs. Clemens Tangerding stammt aus dem unterfr\u00e4nkischen Rottendorf. Fast 15 Jahre lang arbeitete er als Historiker die Geschichte von Unternehmen auf. 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