{"id":12939,"date":"2026-03-05T06:30:00","date_gmt":"2026-03-05T05:30:00","guid":{"rendered":"http:\/\/havelnetz.de\/kunden\/mpw\/2026\/03\/05\/der-osten-als-avantgarde-10-ein-land-zwei-frauenbilder\/"},"modified":"2026-03-05T06:30:00","modified_gmt":"2026-03-05T05:30:00","slug":"der-osten-als-avantgarde-10-ein-land-zwei-frauenbilder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/havelnetz.de\/kunden\/mpw\/2026\/03\/05\/der-osten-als-avantgarde-10-ein-land-zwei-frauenbilder\/","title":{"rendered":"Der Osten als Avantgarde #10: Ein Land \u2013 zwei Frauenbilder"},"content":{"rendered":"<p>Das Netzwerk der gemeinn\u00fctzigen Initiative DenkRaumOst hat es sich zum Ziel gesetzt, Ostdeutschlands Charme sichtbar zu machen. In Teil zehn ihrer Kolumne erz\u00e4hlt Jolina Oelsner, wie ostdeutsche Werte sie als Frau sozialisiert haben und dass der Osten beim Thema Frauenbilder vorreitende Perspektiven einbringt.<\/p>\n<p><span><\/span><\/p>\n<div class=\"wp-caption aligncenter\">\n<p class=\"wp-caption-text\">Jolina Oelsner hat Design- und Innovationsmanagement studiert und einen Doppelmaster in Innovationsmanagement, Sustainability &amp; Entrepreneurship. In ihrer Arbeit verbindet sie Erfahrungen aus Beratung, Start-ups und NGOs mit einem besonderen Fokus auf die F\u00f6rderung diverser und insbesondere von Frauen gef\u00fchrter Start-ups.<\/p>\n<\/div>\n<p>Ich wurde gut zehn Jahre nach der Wende in Magdeburg geboren, also lange, nachdem die DDR nicht mehr existierte, und doch mit vielen ihrer Werte sozialisiert. Aufgewachsen bin ich mit dem Selbstverst\u00e4ndnis, dass Frauen arbeiten, Verantwortung \u00fcbernehmen und auch Karriere machen. Gepr\u00e4gt von gegenseitiger Unterst\u00fctzung und der Haltung, dass Frauen sich in ihrem Erfolg einander st\u00e4rken und Dinge auch einfach mal anpacken. Erst sp\u00e4ter wurde mir bewusst, dass diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit nicht \u00fcberall geteilt wird und Sozialisierung, Strukturen und Erwartungen bis heute unterschiedlich wirken. Genau dort beginnt meine pers\u00f6nliche Perspektive auf Frauenrollen zwischen Ost und West.<\/p>\n<p>2021 gr\u00fcndete sich ein frauengef\u00fchrter Verein und ich war mittendrin. Ich h\u00f6rte viele Lebensgeschichten und Erfahrungen meiner Mitstreiterinnen. So auch eines Nachmittags, als mir eine Praktikantin erz\u00e4hlte, wie stolz sie auf ihre Mutti sei, weil diese arbeite und Karriere gemacht habe. Nach ein paar Nachfragen stellte sich heraus, dass sie eine der wenigen unter den damaligen Schulkameradinnen gewesen war, die \u00fcberhaupt berufst\u00e4tig war. Die meisten anderen Frauen in ihrem Umfeld hatten sich als Hausfrauen der Kindererziehung gewidmet. Das hat mich tats\u00e4chlich ziemlich \u00fcberrascht. Dies war eine Realit\u00e4t, die ich nur aus dem Fernsehen kannte. Nicht, dass Karriere etwas Besonderes war, sondern weil es als Errungenschaft klang, \u00fcberhaupt arbeiten zu gehen. Sp\u00e4ter erfuhr ich, dass dies kein Einzelfall ist. F\u00fcr rund die H\u00e4lfte der Frauen in Westdeutschland war das Hausfrauenmodell lange Zeit Realit\u00e4t oder zumindest pr\u00e4gend. F\u00fcr mich war das irritierend. Mir wurde klar, wie sehr sich mein eigenes, ostdeutsches Verst\u00e4ndnis davon unterschied, was normal f\u00fcr andere war. In meinem Umfeld kannte und kenne ich bis heute keine Frau, die nicht erwerbst\u00e4tig war oder ist. Diese Sozialisierung spiegelte sich auch in Zahlen: bevor die Mauer fiel. In der DDR waren vor dem Mauerfall \u00fcber 90 Prozent der Frauen berufst\u00e4tig, der h\u00f6chste Wert weltweit. <a href=\"https:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\/files\/sozialpolitik-aktuell\/_Politikfelder\/Arbeitsmarkt\/Datensammlung\/PDF-Dateien\/tabIV31.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Laut Studien<\/a> von 2024 liegt die Erwerbst\u00e4tigenquote von Frauen in Deutschland heute bei rund 75 Prozent.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war Arbeit bis dahin nie ein Zeichen von Emanzipation, sondern selbstverst\u00e4ndlich. Frauen arbeiteten. Punkt. Nicht aus besonderem Ehrgeiz, nicht als politisches Statement, sondern weil es normal und notwendig war. Zu Hause zu bleiben stand kaum zur Debatte und wurde sogar eher verp\u00f6nt. Vielmehr galt: Wirtschaftliche Eigenst\u00e4ndigkeit geh\u00f6rte zum Frausein dazu, weil Mutterschaft und Beruf keine Gegens\u00e4tze waren, sondern parallel gedacht wurden. Entsprechend war auch die Infrastruktur ausgerichtet: Krippen und Kinderg\u00e4rten waren l\u00e4nger ge\u00f6ffnet und fl\u00e4chendeckend verf\u00fcgbar. Fr\u00fchkindliche Betreuung mit klarem Erziehungsauftrag war im Osten strukturell verankert, um Familie und Beruf zu vereinbaren. Anfang der 2000er ging ich selbstverst\u00e4ndlich in Krippe und Kindergarten. Es war normal, dass beide Eltern arbeiten gingen, und dies habe ich auch nie in Frage gestellt. Wenn ich krank war, gab es pro Elternteil Krankheitstage, gleichwertig aufgeteilt. Wurden diese \u00fcberschritten, verbrachte ich Zeit am Arbeitsplatz meines Vaters, nichts Ungew\u00f6hnliches. Anders als die Sozialisierung im Westen, dort wurden arbeitende Frauen schnell als Rabenm\u00fctter betitelt.<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit der Praktikantin wurde mir bewusst, dass das, was ich f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich hielt, andernorts als Fortschritt galt. Dass T\u00f6chter stolz darauf sind, dass ihre M\u00fctter arbeiten, \u00fcberrascht mich bis heute. Aber es sind eben nicht alle aufgewachsen wie ich, wie meine Mutti und meine Omas. Ich kannte keine Bewunderung daf\u00fcr, dass eine Mutti arbeitet. Ich kannte Bewunderung daf\u00fcr, wie sie es tat. Vorbilder sah ich in der Kompetenz und Verantwortung, nicht in der blo\u00dfen Erwerbst\u00e4tigkeit.<\/p>\n<p>Der Osten, \u00fcber den oft als \u201eNachz\u00fcgler\u201c gesprochen wird, war und ist in Fragen der weiblichen Selbstverst\u00e4ndlichkeit in vielem weiter, als ihm heute zugestanden wird. Bis heute begegnen mir noch immer Aussagen, die die positiven Eigenschaften der DDR hintenanstellen oder gar ignorieren. So las ich k\u00fcrzlich auf Linkedin, Frauen h\u00e4tten bis 1977 in Deutschland nicht ohne Erlaubnis des Mannes arbeiten d\u00fcrfen oder bis 1958 kein eigenes Konto er\u00f6ffnen k\u00f6nnen. F\u00fcr die BRD stimmte das. In der DDR hingegen brauchten Frauen weder Zustimmung zur Erwerbst\u00e4tigkeit, noch zur Kontoer\u00f6ffnung<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist, dass deutsche Geschichte h\u00e4ufig nur aus westdeutscher Perspektive erz\u00e4hlt wird. Doch auch die Erfahrungen und Werte der Menschen aus Ostdeutschland sind Teil dieser Geschichte. Denn auch wenn die DDR nicht mehr existiert, tun es die Menschen immer noch, und ihre Sozialisierung verschwand nicht mit dem Mauerfall. Dass diese unterschiedlichen Pr\u00e4gungen bei der Wiedervereinigung aufeinandertrafen, wurde lange kaum ber\u00fccksichtigt. Besonders Frauen in meiner Familie beschrieben diese Zeit teils als R\u00fcckschritt in wirtschaftlicher Eigenst\u00e4ndigkeit und Emanzipation. Ein Beispiel: Nach der Hochzeit meiner Eltern 1995 wurde meine Mutti, nachdem mein Vater in ihr Konto aufgenommen worden war, in der Ansprache der Bank pl\u00f6tzlich au\u00dfen vor gelassen. Auf den ersten Blick eine Kleinigkeit, tats\u00e4chlich aber Ausdruck eines Rollenverst\u00e4ndnisses, in dem M\u00e4nner als finanzielle Hauptverantwortliche galten, so wie es in Westdeutschland sozialisiert wurde. Ein R\u00fcckschritt, der jedoch Frustration bei vielen Frauen ausl\u00f6ste, so auch bei meiner Mutti.<\/p>\n<p>Die Wiedervereinigung brachte vieles zusammen, machte aber nicht alle Erfahrungen gleich sichtbar. Ostdeutsche Frauen brachten ein Frauenbild mit, das auf Selbstst\u00e4ndigkeit und wirtschaftlicher Teilhabe beruhte. Es w\u00fcrde sich lohnen, dieses Bild wieder st\u00e4rker in den Blick zu nehmen. Um zu lernen und als Erinnerung daran, welche fortschrittlichen Gedanken aus \u00f6stlicher Richtung f\u00fcr die heutige Gesellschaft kamen. Leider wurde es lange Zeit nur aus einer Perspektive erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Die n\u00e4chsten Live-Termine von DenkRaumOst<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.denkraumost.de\/events\">denkraumost.de\/events<\/a><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Der Beitrag <a href=\"https:\/\/ostdeutschland.info\/der-osten-als-avantgarde-10-ein-land-zwei-frauenbilder\/\">Der Osten als Avantgarde #10: Ein Land \u2013 zwei Frauenbilder<\/a> erschien zuerst auf <a href=\"https:\/\/ostdeutschland.info\/\">ostdeutschland.info<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Netzwerk der gemeinn\u00fctzigen Initiative DenkRaumOst hat es sich zum Ziel gesetzt, Ostdeutschlands Charme sichtbar zu machen. In Teil zehn ihrer Kolumne erz\u00e4hlt Jolina Oelsner, wie ostdeutsche Werte sie als Frau sozialisiert haben und dass der Osten beim Thema Frauenbilder vorreitende Perspektiven einbringt. 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