{"id":12921,"date":"2026-01-19T06:30:00","date_gmt":"2026-01-19T05:30:00","guid":{"rendered":"http:\/\/havelnetz.de\/kunden\/mpw\/2026\/01\/19\/buchvorstellung-starkstromzeit-eine-kleine-geschichte-der-ddr\/"},"modified":"2026-01-19T06:30:00","modified_gmt":"2026-01-19T05:30:00","slug":"buchvorstellung-starkstromzeit-eine-kleine-geschichte-der-ddr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/havelnetz.de\/kunden\/mpw\/2026\/01\/19\/buchvorstellung-starkstromzeit-eine-kleine-geschichte-der-ddr\/","title":{"rendered":"Buchvorstellung: Starkstromzeit. Eine kleine Geschichte der DDR"},"content":{"rendered":"<p>Es ist schon ein erstaunliches Ph\u00e4nomen, dass sich junge Ostdeutsche heute \u2013 36 Jahre nach Mauer\u00f6ffnung \u2013 f\u00fcr die DDR und das interessieren, was aus Land und Leuten nach 1989 geworden ist. Das vorliegende Buch ist ein lesenswertes Beispiel daf\u00fcr.<\/p>\n<p><span><\/span><\/p>\n<p><strong>BUCHTIPP: <\/strong><\/p>\n<p>Aron Boks: \u201eStarkstromzeit. Vom Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt\u201c, HarperCollins 2025, 192 Seiten, 22 \u20ac.<\/p>\n<p>Der 1997 in Wernigerode geborene Aron Boks erz\u00e4hlt in \u201eStarkstromzeit\u201c vom \u201eLeben in einem Staat, den es nicht mehr gibt\u201c. Ausgangspunkt ist eine Leuchte, die sein Gro\u00dfvater 1988 nach dem Vorbild der Tizio von Artemide improvisiert hat. Mit diesem Nachbau der 1972 von Richard Sapper entworfenen Designikone schaffte er es 1989 sogar in die DDR-Zeitschrift \u201eKultur im Heim\u201c. Der Erz\u00e4hler begibt sich auf Spurensuche. Er m\u00f6chte wissen, was generell aus den Leuchten geworden ist, die seine Gro\u00dfeltern als Selbstst\u00e4ndige in der DDR in ihrer kleinen Firma \u201eB\u00fcltemann Leuchtenbau &amp; Dekorationsglas\u201c hergestellt haben. Der Leser erh\u00e4lt durch diese Reise interessante Einblicke in den Alltag, die Wirtschaft, das Design und die Beleuchtung in der DDR.<\/p>\n<p>Dies gelingt Aron Boks vor allem durch das Einbinden von Interviews, die er zur Recherche gef\u00fchrt hat. Etwa mit einem Mitarbeiter des VEB Neontechnik, einem der gr\u00f6\u00dften Hersteller von Lichtreklamen im sogenannten Ostblock, der einst unter anderem \u201ePlaste und Elaste aus Schkopau\u201c sowie die Orwo-Werbung und das Logo der Leipziger Messe erleuchten lie\u00df. Oder mit dem Chefdesigner des VEB Metalldr\u00fccker, dem f\u00fchrenden Leuchtenhersteller der DDR und Europas gr\u00f6\u00dftem Exporteur f\u00fcr Wohnraumleuchten aus Leichtmetall, von dem im \u00dcbrigen ab 1974 fast alle Metallh\u00e4ngeleuchten bei Ikea stammten. Beide Volkseigenen Betriebe waren in Halle (Saale) ans\u00e4ssig, dem \u201eLichtschalter der DDR\u201c.<\/p>\n<p>Besucht wird auch das Ehepaar H\u00f6hne: G\u00fcnter H\u00f6hne war Chefredakteur der DDR-Designzeitschrift form+zweck, Claudia H\u00f6hne wissenschaftliche Mitarbeiterin bei diesem Medium. Heute sind sie zusammen als <a href=\"http:\/\/www.industrieform-ddr.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kuratoren f\u00fcr DDR-Design<\/a> unterwegs. Boks erf\u00e4hrt von ihnen unter anderem, dass DDR-Designer in DDR-Texten gew\u00f6hnlich nicht genannt wurden, weil hier immer das Kollektiv im Mittelpunkt zu stehen hatte. Thematisiert wird auch das in der DDR weit verbreitete \u201eSuperfest\u201c-Glas. Entsprechende Trinkgl\u00e4ser waren sehr leicht und d\u00fcnn und zerbrachen nicht einmal nach einem Sturz aus zwei Metern H\u00f6he.<\/p>\n<p>Ernst wird es im Gespr\u00e4ch mit Ralf Steeg. Er musste 1978 im Alter von 16 Jahren als politischer H\u00e4ftling im Jugendgef\u00e4ngnis Halle unter schwersten Bedingungen H\u00e4ngeleuchten des VEB Metalldr\u00fccker zusammensetzen. Das Modell wurde bei Ikea unter dem Namen Svit verkauft. Sp\u00e4ter, vom Westen freigekauft, setzte er eine Debatte \u00fcber Zwangsarbeit in der DDR in Gang, die zu Produkten f\u00fchrte, welche im Westen verkauft wurden. Auch bei Quelle, Neckermann, Kaufhof. Generell h\u00e4tten etwa 6.000 BRD-Unternehmen in der DDR produzieren lassen.<\/p>\n<p>Die Psychologin Annette Simon, Tochter von Christa Wolf, betont die gro\u00dfe Bedeutung des Vereinigungsprozesses f\u00fcr die heutige ostdeutsche Identit\u00e4t. Und die Ostfluencerin Olivia Schneider (*1996) alias <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/tumvlt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">@tumvlt<\/a> erkl\u00e4rt, dass sie mit ihren Beitr\u00e4gen \u00fcber DDR-Produkte und die DDR-K\u00fcche dazu anregen m\u00f6chte, sich mit dem Osten zu besch\u00e4ftigen. Das k\u00f6nne sogar Spa\u00df machen.<\/p>\n<p>\u201eUnsere Eltern haben die ganze Zeit in den Westen geschaut, und wir schauen die ganze Zeit in die DDR.\u201c, schreibt Boks dann gegen Ende des Buches. So verallgemeinert d\u00fcrfte das nicht stimmen. Der Satz liefert aber einen wichtigen Gedanken. In den letzten Jahren hat sich in Ostdeutschland die Identifikation mit dieser Region der Regionen bemerkenswert verst\u00e4rkt, insbesondere in den Generationen X, Y und Z. W\u00e4hrend die einen Goslarer, Niedersachsen, Deutsche geblieben sind, sehen sich die anderen als Gothaer, Th\u00fcringer, Ostdeutsche, Deutsche. Fernab von Ostalgie tritt nach anf\u00e4nglicher Ostscham nun ein Oststolz zutage, anders zu sein, es schwerer zu haben, es mitunter trotzdem zu schaffen. Mit dieser Identifikation einher geht ein breiteres Interesse an der eigenen, spezifischen Vergangenheit, das so wichtig ist f\u00fcr das Verstehen der Gegenwart und das Gestalten der Zukunft. Heute sind es die Kinder der DDR-Boomer, die zu diesem Verstehen beitragen wollen. Sie haben die DDR oft gar nicht mehr erlebt und sind doch ostdeutsch gepr\u00e4gt. Vielleicht verf\u00fcgen sie \u00fcber die n\u00f6tige Distanz, Mu\u00dfe und Kraft, das Thema neu aufzurollen. In jedem Fall scheinen sie die Notwendigkeit zu erkennen. Offenbar klafft hier auch eine Informationsl\u00fccke.<\/p>\n<p>Aron Boks, der sich mit \u201eNackt in der DDR\u201c 2023 schon seinem Urgro\u00dfonkel Willi Sitte widmete, einem der bedeutendsten, aber auch umstrittensten Maler der DDR (\u201eLieber vom Leben gezeichnet, als von Sitte gemalt.\u201c), geh\u00f6rt zu denen, die aus Interesse f\u00fcr Aufkl\u00e4rung in Bezug auf Ostdeutschland sorgen. \u201eStarkstromzeit\u201c ist eine kurzweilige und aufschlussreiche Geschichte der DDR, die im Hintergrund seiner eigenen Familiengeschichte erz\u00e4hlt wird. Sehr erhellend.<\/p>\n<p>Der Beitrag <a href=\"https:\/\/ostdeutschland.info\/starkstromzeit-eine-kleine-geschichte-der-ddr\/\">Buchvorstellung: Starkstromzeit. Eine kleine Geschichte der DDR<\/a> erschien zuerst auf <a href=\"https:\/\/ostdeutschland.info\/\">ostdeutschland.info<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon ein erstaunliches Ph\u00e4nomen, dass sich junge Ostdeutsche heute \u2013 36 Jahre nach Mauer\u00f6ffnung \u2013 f\u00fcr die DDR und das interessieren, was aus Land und Leuten nach 1989 geworden ist. Das vorliegende Buch ist ein lesenswertes Beispiel daf\u00fcr. BUCHTIPP: Aron Boks: \u201eStarkstromzeit. Vom Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt\u201c, HarperCollins 2025, 192 Seiten, 22 \u20ac. Der 1997 in Wernigerode geborene Aron Boks erz\u00e4hlt in \u201eStarkstromzeit\u201c vom \u201eLeben in einem Staat, den es nicht mehr gibt\u201c. Ausgangspunkt ist eine Leuchte, die sein Gro\u00dfvater 1988 nach dem Vorbild der Tizio von Artemide improvisiert hat. 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