{"id":12873,"date":"2025-11-10T06:30:00","date_gmt":"2025-11-10T05:30:00","guid":{"rendered":"http:\/\/havelnetz.de\/kunden\/mpw\/2025\/11\/10\/buchvorstellung-der-grosse-schock\/"},"modified":"2025-11-10T06:30:00","modified_gmt":"2025-11-10T05:30:00","slug":"buchvorstellung-der-grosse-schock","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/havelnetz.de\/kunden\/mpw\/2025\/11\/10\/buchvorstellung-der-grosse-schock\/","title":{"rendered":"Buchvorstellung: Der gro\u00dfe Schock"},"content":{"rendered":"<p>Vielen Ostdeutschen steckt der radikale Strukturwandel der Nachwendezeit und die fragw\u00fcrdige Treuhandpolitik noch immer tief in den Knochen. Warum sind sie bis heute verstummt? Das neue Buch \u201eDer gro\u00dfe Schock\u201c von Katrin Rohnstock zeigt, wie sich die gro\u00dfe Politik von damals im Kleinen niederschlug.<\/p>\n<p><span><\/span><\/p>\n<p>In ihrem Buch l\u00e4sst die Herausgeberin zahlreiche Stimmen zu Wort kommen, die jetzt \u2013 Jahrzehnte sp\u00e4ter \u2013 ihr Schweigen gebrochen haben. Die ber\u00fchrenden, teils dramatischen Geschichten der Menschen aus f\u00fcnf Th\u00fcringer Betrieben stehen dabei exemplarisch f\u00fcr die traumatischen Erfahrungen eines Gro\u00dfteils der DDR-Bev\u00f6lkerung. So verweigerte die Treuhand in Eisenberg etwa Anfang der 1990er-Jahre eine \u00dcbernahme durch die erfahrene ostdeutsche Werksleitung, welche gerade dabei war, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Die Folge waren Massenentlassungen, ein schleichender Verfall und schlie\u00dflich die Insolvenz. Kein Einzelfall, sondern ein Scheitern mit System. Die Treuhandanstalt ist das \u201eSynonym f\u00fcr den Niedergang industrieller Strukturen, der bis heute nachwirkt\u201c, schreibt Rohnstock.<\/p>\n<p>Auch die Geschichten \u00fcber das Henneberger Porzellanwerk aus Ilmenau, das nach der Wende von der Treuhand privatisiert wurde, lassen den Leser nicht kalt. Aus unterschiedlichen Perspektiven berichten die Zeitzeugen, wie es trotz hoher Produktqualit\u00e4t und stabiler Kundenbeziehungen zu mehreren Entlassungswellen kam, von denen sich das Unternehmen nicht mehr erholen sollte. Wie sich herausstellte, war das Ende der Firma mit dem fehlenden Zusammenhalt der ehemals 3.000 Mitarbeitenden besiegelt, die als gewachsene Gemeinschaft einst mehr im Unternehmen gesehen haben, als einen blo\u00dfen Arbeitsplatz. F\u00fcr sie war es ein identit\u00e4tsstiftender Ort, der \u00fcber Generationen hinweg mit den Biografien der Menschen vor Ort verflochten war.<\/p>\n<p>Ein weiteres Thema ist die Schlie\u00dfung des wirtschaftlich tragf\u00e4higen Kalibergwerks in Bischofferode 1993 durch die Treuhand. Dabei handelte es sich um eine machtpolitische Entscheidung, gegen welche die Belegschaft erbitterten Widerstand mit Demonstrationen und einem Hungerstreik leistete. Doch auch hier war den Betroffenen trotz bundesweiter medialer Aufmerksamkeit kein guter Ausgang verg\u00f6nnt.<\/p>\n<p>Jede der festgehaltenen Erz\u00e4hlungen zeugt auf ihre Weise von Ohnmacht und Verzweiflung, aber auch von der Beharrlichkeit der Ostdeutschen und ihrem Widerstand. Sie machen ein St\u00fcck weit verst\u00e4ndlicher, warum die Wiedervereinigung bei vielen bis heute einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen hat. Mit gesellschaftlichen Umbr\u00fcchen gehen oftmals ganze Lebenswelten durchdringende Schocks einher, welche die Betroffenen nie wirklich loslassen. Die Transformation Ostdeutschlands in der Nachwendezeit kam einer sozialen und \u00f6konomischen Entwurzelung gleich. Der Verlust von Sicherheit, von Gemeinschaft und Arbeitspl\u00e4tzen f\u00fchrte zu einer kollektiven Ersch\u00fctterung. Arbeitslosigkeit war f\u00fcr DDR-B\u00fcrger, denen auf Lebenszeit Arbeitspl\u00e4tze garantiert waren, unvorstellbar gewesen. Pl\u00f6tzlich aber wurde sie zur neuen Realit\u00e4t von Millionen. Eine tiefsitzende und besch\u00e4mende Dem\u00fctigung f\u00fcr viele.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die Medienwelt gern auf positive Erfolgsgeschichten und wirtschaftliche Aufholjagden st\u00fcrzt, gehen die Schicksalsschl\u00e4ge einzelner Menschen meist unter. In diesem Buch finden sie Geh\u00f6r. Zusammen sind sie der Versuch, f\u00fcr das \u201eTreuhand-Trauma\u201c \u2013 den kollektiven Verlust von Arbeit \u2013 Worte zu finden und sichtbar zu machen, was dieser tiefgreifende Wechsel der Gesellschaftsordnung individuell bedeutete.<\/p>\n<p>Die Geschichten, die Konflikte und Krisen thematisieren, \u00fcber die bis heute nur wenig gesprochen wird, entstanden in Erz\u00e4hlsalons. Einem von Rohnstock entwickelten Format, in dem Menschen in einer vertraulichen Atmosph\u00e4re zusammenkommen und bei dem darauf geachtet wird, dass jedem zugeh\u00f6rt wird.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>BUCHTIPP: <\/strong><\/p>\n<p>Katrin Rohnstock (Hg.): \u201eDer gro\u00dfe Schock. Ostdeutsche erz\u00e4hlen von den Folgen der Treuhandpolitik\u201c, BeBra Verlag, Berlin 2025, 240\u00a0Seiten, 22 \u20ac (Paperback)<\/p>\n<p>Der Beitrag <a href=\"https:\/\/ostdeutschland.info\/buchvorstellung-der-grosse-schock\/\">Buchvorstellung: Der gro\u00dfe Schock<\/a> erschien zuerst auf <a href=\"https:\/\/ostdeutschland.info\/\">ostdeutschland.info<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielen Ostdeutschen steckt der radikale Strukturwandel der Nachwendezeit und die fragw\u00fcrdige Treuhandpolitik noch immer tief in den Knochen. Warum sind sie bis heute verstummt? Das neue Buch \u201eDer gro\u00dfe Schock\u201c von Katrin Rohnstock zeigt, wie sich die gro\u00dfe Politik von damals im Kleinen niederschlug. In ihrem Buch l\u00e4sst die Herausgeberin zahlreiche Stimmen zu Wort kommen, die jetzt \u2013 Jahrzehnte sp\u00e4ter \u2013 ihr Schweigen gebrochen haben. 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