Sabrina Kensy, Vorstandsvorsitzende des Ostdeutschen Bankenverbandes und Bereichsvorständin der Mittelstandsbank Mitte/Ost Commerzbank AG, ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland …“ vertreten.

Sabrina Kensy, Vorsitzende des Vorstands Ostdeutscher Bankenverband, Bereichsvorständin Mittelstandsbank Mitte/Ost Commerzbank AG. Abbildung: Pavel Becker

Der Osten. Das sind für mich Herkunft und Heimat. Zuhause und Zukunft. Das sind Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen – egal, ob im privaten oder im geschäftlichen Bereich.

Zugegeben, ich war noch in der Grundschule (damals Unterstufe), als die Mauer fiel. Auch wenn sich mir damals dieser historische Umbruch nicht in allen Facetten erschloss, erinnere ich mich doch an diese besondere Stimmung, wie man versucht hat, zu begreifen, was gerade geschah, und die Euphorie. Dass die Welt und dass eine ganz neue Zukunft vor einem lagen. Man konnte alte Pfade verlassen, selbst entscheiden und das Gefühl von Freiheit, aber auch von Unsicherheit, breitete sich aus. Aus der Mangelwirtschaft schuf der Markt wortwörtlich im Handumdrehen Fülle und Auswahl.

Dass sich der Staat als besserer Unternehmer wähnt und damit kläglich scheitert, ist im Osten noch sehr lebendig.”

Der Osten und die Demokratie

Ich teile nicht die Einschätzung so mancher Experten, die Menschen im Osten hätten eine schwache Affinität für Demokratie. Die Tatsache, dass Frauen und Männer trotz Gefahr von Gefängnis, Karriereverlust und Ausgrenzung auf die Straßen gingen und von einem in puncto Menschenrechte nicht zimperlichen Regime Demokratie forderten, ist der Beweis für ein großes Bedürfnis nach Freiheit.

Natürlich kam es auch zu Brüchen in vielen Lebensläufen. Dass die nach eigener Propaganda zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt in der Realität nur auf 30 Prozent der Produktivität im Westen kam, hatte Folgen. Mit der Einführung der D-Mark wurde auch das Tor zum Weltmarkt aufgestoßen, dessen Konkurrenzdruck enorm und für etliche ostdeutsche Firmen zu groß war. Hinzu kamen, so ehrlich muss man sein, Investoren ohne Interesse am unternehmerischen Aufbau nach Ostdeutschland, dafür mit der Absicht, allein das Anlagekapital oder den Kundenstamm zu nutzen. Leider hängen diese negativen Beispiele in den Köpfen häufig länger nach als die ostdeutschen Erfolgsgeschichten.

Umso mehr zolle ich dem ostdeutschen Mittelstand großen Respekt dafür, was er in den letzten drei Jahrzehnten erreicht und aufgebaut hat. Es beeindruckt mich, Unternehmerinnen und Unternehmer treffen zu dürfen, die nun Mitte 60 sind und in ihrem Lebenswerk etwas Großes geschaffen haben. Oftmals aus dem Nichts mit enormem Mut, Kreativität und der Bereitschaft, nach der Wende persönlich ins Risiko zu gehen.

Ich bin stolz, dass die privaten Banken an diesen Erfolgsgeschichten einen Anteil haben. Daher arbeite ich nicht nur sehr gern für ein großes privates Institut, sondern vertrete als Vorstandsvorsitzende des Ostdeutschen Bankenverbandes mit Kraft und Leidenschaft die Interessen der privaten Banken gegenüber der ostdeutschen Politik. Ein ganz wichtiger Aspekt, warum ich in die Bankenwelt gegangen bin: Der Kern von Bank ist Partnerschaft. Ich habe immer mit Menschen zu tun, die etwas gestalten wollen – und ich kann ihnen dabei helfen.

Schon mit dem Start der D-Mark im Osten haben die privaten Banken großes Engagement gezeigt. Der langjährige Vorstandsvorsitzende und spätere Aufsichtsratschef der Commerzbank, Klaus-Peter Müller, war für unser Haus „Mister Währungsunion“. Heute stammen in Ostdeutschland die meisten Firmenkredite von privaten Banken: über 88 Milliarden Euro, was einem Anteil von 37 Prozent entspricht. Bei Privatkrediten sind es 53 Prozent (rund 78 Milliarden Euro). Auch wenn Strukturanpassungen für Banken kein Fremdwort sind, beschäftigen unsere Mitglieder in den ostdeutschen Bundesländern fast 12.000 Menschen.

Sabrina Kensy ist Vorstandsvorsitzende des Ostdeutschen Bankenverbands. Abbildung: Pavel Becker

Förderung von Eigenverantwortung

Die „Wende-Abenteuer“ liegen jetzt schon wieder über 30 Jahre zurück. Mit jedem Jahr, das seit 1989 ins Land geht, fällt Erinnern schwerer. Und doch: Wenn ich heute im Osten unterwegs bin, sei es in Mecklenburg, in der Lausitz, im Harz, im Vogtland, wenn ich mich mit Kunden treffe oder mit meiner Familie im Fläming zusammen bin, dann spüre ich diesen Geist noch immer. Das Vertrauen auf die eigene Kraft und die Haltung gegenüber der Politik, Eigenverantwortung zu fördern, anstatt sie zu behindern. Denn das, was den Osten heute ausmacht, ist das Ergebnis einer einfachen Gleichung: Tatkraft der Menschen plus richtige politische Weichenstellungen ist gleich Wohlstand durch Selbstverwirklichung.

Das schlägt den Bogen zu heute. Die eben genannte Gleichung ist sicher nichts Ostspezifisches. Ich habe das Privileg, Firmenkunden sowohl in den ostdeutschen Bundesländern zu betreuen als auch in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Dort finden sich selbstverständlich zahlreiche großartige Unternehmen, die seit vielen Generationen bei den Kunden erfolgreich sind. Die Krisen gemeistert, Hindernisse überwunden und nicht zuletzt nach dem Krieg einen fulminanten Wiederaufstieg bewerkstelligt haben. Die vielen Jahrzehnte, in denen zwischen Rhein und Rhön, zwischen Nordsee und Zugspitze die Rahmenbedingungen der sozialen Markwirtschaft Grundlage des Wirtschaftens sind, haben vieles davon allerdings selbstverständlich gemacht.

Im Osten hingegen ist es erst eine Generation her, dass man wieder in Freiheit als Unternehmer tätig sein kann. Selbst wenn mancher Firmenstammbaum länger zurückreicht, wurde er unterbrochen von 40 Jahren Planwirtschaft, von Gängelung und Missachtung, von staatlichen Beschwernissen und letztlich von Enteignung. Abgesehen von den harten Fakten, die mit dieser kürzeren Zeitspanne verbunden sind, wie eine geringere durchschnittliche Unternehmensgröße, ist vor allem die Erinnerung daran, dass sich der Staat als besserer Unternehmer wähnt und damit kläglich scheitert, noch sehr lebendig. Genau daher ist das Zähneknirschen über Bürokratie, Steuerbelastungen und teure Energiepolitik im Osten deutlicher vernehmbar.

Der Kern von Bank ist Partnerschaft. Abbildung: Pavel Becker

Politik im Rückstand

Aktuelle Politik sollte sich einer solchen erfahrungsbasierten Bewertung nicht verschließen. Etwa indem man sie als ostdeutsches Mentalitätsproblem darstellt. In jüngster Vergangenheit mussten wir durch zahlreiche Krisen manövrieren – und die Politik hat erfolgreich gegengesteuert. Letztlich diente als Werkzeug aber häufig Geld, um exogene Schocks abzumildern. Heute stehen wir vor den Folgen großer struktureller Versäumnisse. Wir haben uns auf den Ergebnissen von Reformen ausgeruht, die lange zurückliegen. Infrastruktur wurde vernachlässigt. Das Bildungssystem zu wenig an der Leistungsfähigkeit unserer Wohlstandsmotoren in der Wirtschaft ausgerichtet. Der Energiepolitik wurde als alleiniger Kompass die Klimaneutralität gegeben, während Angebotssicherheit, Preise und Netzstabilität gleichrangige Parameter sein müssten.

In der Folge rutschte unsere Volkswirtschaft immer tiefer in eine Investitionslücke, sowohl auf unternehmerischer Seite als auch beim Staat. Bereits vor über zehn Jahren kamen Experten im Auftrag des damaligen Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel zu dem Schluss, dass in den öffentlichen Haushalten jährlich zwölf Milliarden Euro zusätzlich für Investitionen vorzusehen seien. Jetzt soll das Sondervermögen die Lücken schließen.

Im Osten fällt dieses Versäumnis glücklicherweise nicht so stark auf. Schlicht und ergreifend deshalb, weil die Infrastruktur im Zuge von Aufbau Ost von Grund auf einer Erneuerungskur unterzogen wurde. Für diese gemeinsame Kraftanstrengung aller Steuerzahler in unserem Land – West wie Ost – kann man nur dankbar sein. Hilfreich, das sei am Rande erwähnt, ist für die Betriebe im Osten überdies, dass die Exportabhängigkeit geringer und damit die Resilienz gegenüber Zollschranken größer ist. Außerdem orientieren sich hier viele Firmen in Richtung von Absatzmärkten, die sich vom Fieber des Handelskrieges noch nicht haben anstecken lassen.

Wie geht es nun weiter? Nach fünf Jahren im konjunkturellen Seitwärtsgang hatte sich die Stimmung zuletzt zu leichtem Optimismus gewandelt –  sicher die vorgezogenen Neuwahlen und damit die Aussicht auf ein wirtschaftspolitisches Umsteuern beigetragen haben dürften. Das Fazit vieler Kundengespräche lautet: „Es muss sich einfach was verändern, jetzt muss es ja langsam wieder vorwärts gehen.“ Genau das muss Politik nun liefern, um der Moll-Stimmung ein Ende zu setzen.

Privatbanken sind heute für den Großteil von Firmenkrediten in Ostdeutschland verantwortlich. Abbildung: Jens Schicke

Rückkehr zur sozialen Marktwirtschaft

Es braucht somit echte Anreize und eine langfristige Planbarkeit von Rahmenbedingungen für die Wirtschaft, um ein anhaltendes Investitionsplus zu ermöglichen. Das im März 2025 verabschiedete Sondervermögen für Infrastruktur kann einen Anschub darstellen, vor allem, wenn die öffentliche Hand die Milliarden wirklich in Straßen, Schulen, Brücken und in Digitalisierung steckt. Diese Dynamik kann sicher auch die Unternehmen erreichen und vor allem den Mittelstand stärken. Doch alles Geldausgeben wird ein Strohfeuer bleiben und damit nur kurzzeitig wärmen, wenn die neue Bundesregierung nicht gleichzeitig tiefgreifende Strukturreformen angeht. Ohne Bürokratieabbau, Digitalisierung der Verwaltung, schnellere Planungen und Genehmigungen werden sich die Unternehmen weiterhin mit Investitionen zurückhalten. Das gilt erst recht, wenn die Energiepreise hierzulande nicht wieder auf ein international konkurrenzfähiges Niveau sinken.

Unser Land kann viel aus der Zeit nach Wende und Wiedervereinigung lernen. Die soziale Marktwirtschaft nach 1989 hat bewiesen, welche Kräfte sie bei den Menschen freizusetzen vermag. Und dass sie im Zusammenspiel mit Marktwettbewerb und sozialem Ausgleich Wohlstand für alle schaffen kann. Zu diesem Vertrauen in unsere Wirtschaftsordnung, in Unternehmertum und Leistungsbereitschaft müssen wir zurückfinden. Wachstum kommt, wenn an den Mittelstand gedacht wird.

Ostdeutscher Bankenverband e.V.

GEGRÜNDET: 1990/Berlin
STANDORT: Berlin
MITARBEITENDE: < 10
WEBSITE: ostbv.de

 

Sabrina Kensy

GEBOREN: 1982/Belzig
WOHNORT (aktuell): Niederer Fläming
MEIN BUCHTIPP: Juli Zeh: „Über Menschen“, 2021
MEIN FILMTIPP: „Das Leben der Anderen“, 2006
MEIN URLAUBSTIPP: Die Flaeming-Skate

 

 

 

BUCHTIPP:

„Denke ich an Ostdeutschland …“

In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden.

„Denke ich an Ostdeutschland … Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4.

Als Hardcover und E-Book hier erhältlich.

 

Der Beitrag Sabrina Kensy: Durch Fehler zur Verbesserung. Welche Zukunft wir für unser Land gestalten – und was man vom Osten lernen kann erschien zuerst auf ostdeutschland.info.